Peter Kremer
Schmetterlinge (1985)
"In unserer vergifteten Natur werden zuerst die zartesten Geschöpfte Gottes aussterben: Die Schmetterlinge und die Wiesenblumen." (M. Heidecker)
"...So lautlos wie nur ein Schmetterling fliegt, wenn ihn die taumelnde Schwinge wiegt, einer wehenden Blüte gleich." (Hans Leifhelm)
Heute abend, als ich noch am Schreibtisch sitzend, für eine Weile das
Fenster geöffnet hatte, den Tabakrauch entschwinden zu lassen, besuchte mich ein
Schmetterling in meiner Stube. Ein Trauermantel war es, ich sah ihn plötzlich,
wie er mit zusammengelegten Flügeln auf einer schneeweißen Begonienblüte der
Fensterbank saß. Was hatte ihn aus dem bergenden Mantel der Dunkelheit hier
hergezogen? Das Licht meiner Lampe oder das reine Weiß der Blüte, oder war ihr
leiser Duft zu ihm hinausgeweht? Lange stand ich vor ihm, vor diesem
geheimnisvollen Wesen, das regungslos auf dem Blumenstern weilte und seine
Schwingen ab und zu gedankenstill bewegte. Ich hätte ihn greifen können; die
Sehnsucht der Knabenjahre, einmal einen Trauermantelfalter zu besitzen hätte
jetzt erfüllt werden können, doch ich tat es nicht. Wer weiß, welche Trauerklage
in ihm zu mir ausgeschickt war, welchen Trost, welche dunkle Sehnsucht er mir
bringen wollte! Wie der Bote eine Geheimnisses erschien er mir und zugleich ein
Bote der Erinnerung aus längst versunkener Jugendzeit.
Als ich noch ein Bauernjunge war und in den warmen Nachsommer- und Herbsttagen
auf den Eifelwiesen und Drieschen die Kühe hütete, sah ich ihn zum erstenmal,
den gaukelnden Samtfetzen aus purpurner Dunkelheit mit dem Goldsaum hinter
nachtblauen Rundtupfen. Ich hielt ihn damals für den schönsten Schmetterling,
schöner noch als Pfauenauge, Schwalbenschwanz und Distelfalter, weil sein
samtdunkles Geheimnis mich anzog, das ich nicht zu deuten wußte. Die anderen
Tagfalter waren hell und farbig wie die Sonne und Mittagslicht, wie die Blüten
und Beeren; wenn sie dahinflatterten, war es wie ein lautloses Lachen des
Sommertages, wie vorbei huschendes Sonnenglitzern. Der Trauermantel aber wollte
mir nicht recht in den grellen Tag passen; er schien mir ein Wesen der Nacht,
und sein Werden versetzte mich in geheimnisvolle Schieferstollen und düstere
Waldgründe. Wenn er plötzlich vor dem Knabenblick schwebte, wenn er sich
niederließ auf einem silbernen Himbeerblatt, auf einer weißen Brombeerblüte,
verhielt ich den Atem, um seinen Atem zu spüren unter dem schwarzen Purpur
seiner Flügel. Ich hätte es nicht gewagt, ihn zu berühren oder sogar zu fangen;
eine innere Angst hatte ich vor dem Geheimnis, das schon in seinem Namen ruht,
eine stille Ehrfurcht vor der Trauer, die von ihm uns anrührt. Er schien mir
einem jenseitigen Reich anzugehören und nur dann und wann aus Sehnsucht nach dem
Sonnenlicht sich in unseren hellen Tag zu verirren.
Einmal hetzte der lange Lipp, unsere Wiesen- und Schulkamerad, hinter einem
Trauermantel her, ihn zu fangen, mit seiner Mütze ihn niederzuschlagen. Woher
hätte er so jung schon wissen können, daß die höchste Schönheit verdirbt, wenn
man sie begehrt, daß sie glanzlos wird, wenn man sie berührt, daß sie schon
gestorben ist, wenn man sie besitzt. Er mußte seine Jagdgier mit dem Tode
bezahlen; denn der Trauermantel gaukelte lockend vor ihm hin, und ehe er es
merkte lag er im schwarzen Moorweiher, aus dem wir ihn nicht retten konnten. Aus
dem Garten des Todes müssen sie auftauchen, dachte ich damals, sie müssen Boten
des Jenseits sein, eine göttliche Trauer sprach zu mir aus dem schwarzen,
unhörbaren Flügelschlag, und aus dem priesterlichen Schmucke der
golddurchwirkten Borde. - An diesem Abend sprach ich lange mit der
Trauermantelfalter in meiner Stube. Dann entließ ich ihn in die Freiheit. Ich
opferte die Blüte und brach sie für ihn ab und legte sie draußen auf den
Fensterstein, damit er unberührt in die Nacht entschweben konnte, in die
samtblaue, wehmutsvolle Oktobernacht, in die er wie ein Zipfelchen von ihr
entflog, wie ein ins Unsichtbare entwehender Hauch. Auch im Dunkel, so wußte
ich, weilte er in des Schöpfers Hand. -
Auszug aus Eifeljahrbuch 1985 des Eifelvereins; Peter Kremer: Schmetterlinge
.
Mit freundlicher Genehmigung durch den
Eifelverein.