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Gelber oder weißer Saum?
  • Trauermantel (Nymphalis antiopa) - gelber Saum
  • Trauermantel (Nymphalis antiopa) - mittelgelber Saum
  • Trauermantel (Nymphalis antiopa) - hellgelber Saum
  • Trauermantel (Nymphalis antiopa) - cremefarbener Saum
  • Trauermantel (Nymphalis antiopa) - weißer Saum

Zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hatte man auf den britischen Inseln die Erfahrung gemacht, dass ein Großteil der Sichtungen oder Fänge des Trauermantels statt der auf dem Kontinent üblichen gelben Säume bzw. Flügelränder, weiße Flügelränder besitzt.

Viele sahen den Grund in einer eigenen britischen Rasse des Falters.

Cockayne

Edward Alfred Cockayne (1880-1955), ein englischer Mediziner und Hobby-Lepidopterologe (siehe auch Cockayne Trust, LondonCockayne Trust, London am National History Museum, LondonNational History Museum, London) hat in seinem Artikel "The White Border of Euvanessa antiopa, L." Quelle: Cockayne, 1921 - The White Border of Euvanessa antiopa L. eine andere Erklärung für dieses Phänomen:

Er stellt fest, dass die in älteren Arbeiten (deutlich vor 1921) verwendeten umgangssprachlichen Namen "white border" und "white petticoat" vom Sachverhalt der überwiegend weißen Flügelränder zeugen.

Cockayne bemerkt ferner, dass der Engländer Adrian Hardy Haworth (1767-1833), ein berühmter Botaniker und Schmetterlingskundler, in dem weißen Saum gar den Beweis sah, dass die auf den britischen Inseln gefundenen Exemplare nicht vom Kontinent stammen können.

Doch Cockayne widerspricht dieser Theorie. Nach damaligen Stand der Forschung ist allgemein anerkannt, dass britische Exemplare nicht auf den britischen Inseln geschlüpft sind, sondern von Gebieten außerhalb der Inseln eingeflogen sind.

Da die Falter des Kontinents ausschließlich mit gelben Rändern schlüpfen und erst nach der Überwinterung ausgeblichene weiße Flügelränder besitzen, sehen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die meisten Entomologen für die weißen Ränder der britischen Exemplare ebenfalls Ausbleichen nach Überwinterung als Ursache.

Diese Begründung kollidiert aber mit anderen Beobachtungen:

  • Die klimatischen Bedingungen auf den Inseln lassen eine Überwinterung der Falter nicht oder nur in Ausnahmefällen zu.
  • Die Monate mit den höhsten Einwanderungsraten liegen deutlich im August und September, d.h. die einwandernden Falter haben in den allermeisten Fällen noch keine Überwinterung hinter sich.

Wie nun kann es sein, dass die Mehrzahl der britischen Exemplare weiße Ränder hat, wenn eigentlich das Gegenteil der Fall sein sollte, d.h. die Mehrzahl der Falter sollten gelbe Flügelränder aufweisen?

Cockayne geht dieser Frage nach und untersucht als erstes im bis heute legendären und unerreichten Einwanderungsjahr 1872 gefangene Exemplare. Viele der im August und September gefangenen Exemplare haben weiße Ränder, obwohl diese Falter relativ frisch geschlüpft sein mussten.

In der Sammlung des Britischen MuseumsBritischen Museums fand Cockayne ein aus Frankreich stammendes Exemplar mit fast transparenten Flügelrändern und insgesamt blassen Farben. Unter dem Mikroskop erkannte er, dass die Schuppen der Flügelränder ungewöhnlich dünn, tendentiell transparent und eingerollt waren. Auch die blauen Postdiskalfleken zeigten ähnliche ungewöhnliche Eigenschaften.

Daraufhin hat er diverse Sammlungen britischer Falter und danach auch Falter anderer Regionen untersucht und bei nahezu allen Faltern des Trauermantels mit weißen Flügelrändern ähnliche Defekte ("defects") gefunden.

Falter mit gelben Rändern zeigten durchgehend keine Defekte.

Insgesamt fand er zwei Falter, die trotz weißer Ränder keine Defekte zeigten. In dem einen Fall, einem Exemplar der britischen Inseln sah er eine Fälschung ("faked continental example"), in dem anderen, in Griechenland gefundenen Falter erkannte er eine Überwinterung ("No doubt it is faded").

Cockayne folgert schließlich, dass derartige Defekte schon mit dem Schlupf des Falters existieren müssen, also angeboren sind und nicht nachträglich entstanden sein können.

Beim Sichten der Literatur und der außerhalb der britischen Inseln gefangenen Falter fällt ihm auf, dass die aus Skandinavien stammenden Falter durchgehend weiße Ränder, die aus Deutschland, Frankreich, Italien, Rußland und den Niederlanden stammenden Falter entweder gelbe oder weiße Ränder haben bzw. haben sollen.

Hieraus zieht er den Schluß, dass nördliche Falter immer weiße Ränder mit Defekten in den Schuppen und südliche Falter immer gelbe Ränder und nach Überwinterung weiße Ränder ohne Defekte haben.

Somit sieht er die These des Engländers Henry Tibbats Stainton (1822-1892) von 1872/73 bestätigt, dass die meisten britischen Falter aus den skandinavischen Ländern stammen.

Chalmers-Hunt

Etwa 50 Jahre nach Cockayne untersuchte J. M. Chalmers-Hunt die großen Einwanderungen auf die britischen Inseln von 1976 Quelle: Chalmers-Hunt, 1977a - The 1976 Invasion of the Camberwell Beauty (Nymphalis antiopa L.).

Die Flügelrandfarbe frisch geschlüpfter Falter beschreibt er als variierend zwischen gelb (nach Überwinterung ausgeblichen weißlich) und weiß. Bei angeborenen weißen Rändern sind die Schuppen der Flügelränder eingerollt und pigmentlos.

Bei den 1976 eingewanderten Faltern waren sowohl gelbe, als auch weiße Flügelränder vertreten. Da nur wenige Beobachter die Farbe näher spezifizierten, existieren keine Anzahlen, die das Verhältnis widerspiegeln (wenngleich eine heutige Analyse der gefangenen Falter hier einen Anhaltspunkt geben könnte).

Chalmers-Hunt zitiert C. B. Williams, der 1958 in "Insect Migration" schreibt:

"Specimens from Scandinavia have a paler border than those from southern Europe".