Indem man Raupen eine ungewohnte Nahrung verabreicht
oder Puppen extremen Temperaturen aussetzt, kann man in einzelnen Stücken vorkommende, abweichende Aberrationen von Faltern erzeugen.
Die Bedingungsänderungen dürfen aber nicht zu groß ausfallen: Je extremer die Bedingungen, umso kleiner die Anzahl überlebender Puppen, aber umso größer die Abweichungen bei den Flügelzeichnungen
.
Derartig erzeugte Formen sind zwar künstlich herbei geführt, kommen aber unter besonderen seltenen Umständen auch in der Natur vor. Ein extrem heißer Sommer kann beispielsweise derartige Formen hervor bringen.
Gegen Ende des 19ten und Anfang des 20sten Jahrhunderts war die labormäßige Erzeugung von Aberrationen Gegenstand vieler wissenschaftlicher und weniger wissenschaftlicher Untersuchungen.
Hier waren folgende Personen in besonderem Maße engagiert:
- Der in Wien geborene und arbeitende Mathematiker und Zeichner Vincenz Dorfmeister (1819-1895) - auch ein Meister des "Raupen-Ausblasens"

- Der am Polytechnikum in Zürich arbeitende Professor der Entomologie Max Standfuss (1854-1917)
- Der Züricher Arzt und Entomologe Emil Fischer (1868-1954)
- Der Bonner Lepidopterologe Carl Frings
| Vincenz Dorfmeister | Max Standfuss |
Heinrich Ritter von Mitis schreibt über Aberrationen in
[Ritter von Mitis, 1896]:
Aus heutiger Sicht scheinen die damaligen Versuche mit ihren Beschreibungen und Ergebnissen häufig wenig präzise, unsystematisch und willkürlich. Mancher Schilderung haftet gar kindlicher Spieltrieb oder ein gewisser frankenstein'scher Charme an, so spricht beispielsweise Standfuss
gerne von "Geschöpfen". Trotz allem sind die gewonnenen Erkenntnisse durchaus bedeutsam. Hier ist ein besseres Verständnis von saisonaler und geografischer Variabilität zu nennen, aber auch im Bereich Phylogenetik gibt es interessante und heute noch gültige Ergebnisse.
Max Standfuss (1854-1917), Professor der Entomologie am Polytechnikum in Zürich, hat von Ende des 19ten bis Anfang des 20sten Jahrhunderts über einen Zeitraum von ca. 30 Jahren intensive Zuchtversuche mit Schmetterlingen durchgeführt. Zu seinen Untersuchungsobjekten gehörte dabei u.a. auch der Trauermantel.
Standfuss kam zu der Erkenntnis, dass die Temperaturbedingungen, denen eine Puppe während ihrer Entwicklung ausgesetzt ist, einen Einfluss auf Form und Zeichnung der Flügel des Imagos haben können
.
Er unterteilte seine Versuchsreihen in Wärme- und Kälteexperimente und verglich verschiedene Konstellationen:
| Versuchstyp | Parameter | Ergebnisse |
|---|---|---|
| a-I: Wärme | 48 Stunden bei 37º, danach 10 Tage Zimmertemperatur |
|
| a-II: Wärme | 60 Stunden bei 37º, danach 24º |
|
| b-I: Kälte | 29-34 Tage Eiskasten (Temp. ?), danach normale (?) Temperaturen |
|
| b-II: Kälte | 39 Tage Eiskasten, 14-16 Tage normale Temperaturen |
|
| b-III: Kälte | 44 Tage Eiskasten, 15-19 Tage normale Temperaturen |
|
| b-IV: Kälte | 33 Tage Eiskasten, 5 Tage 11º, 15-16 Tage 29-23º |
|
Die aus Experiment a-II resultierenden Abweichungen benennt Standfuss Vanessa antiopa var. daubii Stdfs, die aus Experiment b-III resultierenden Abweichungen benennt Standfuss Vanessa antiopa ab. roederi Stdf.
In den Experimenten b-I und b-II entdeckt Standfuss auf den Flügeln des Trauermantels Merkmale, die gewöhnliche Falter nicht zeigen, die allerdings beim Großen Fuchs und beim Großen Feuerfuchs vorhanden sind! Hierzu gehören beispielsweise die schwarzen runden Flecken in der Mitte der Vorderflügel der beiden letztgenannten Arten.
Standfuss schließt daraus zusammen mit anderen Erkenntnissen, dass der Trauermantel und der Große Fuchs eng verwandt sind und dass es sich beim Trauermantel um eine phylogenetisch jüngere Art handelt.
Aus Standfuss' Versuchen und insbesondere aus den (teilweise wage beschriebenen) Parametern läßt sich leider kein klarer Zusammenhang zwischen Größe der Parameter und den resultierenden Auswirkungen auf die Flügelzeichnung und Farbe erkennen. Daneben bleibt auch offen, warum gerade diese und keine anderen Parameter gewählt wurden.
Lampert
unterscheidet bei den von Standfuss und anderen Personen durchgeführten Versuchen zwei Gruppen:
Erstens Wärme- und Kälteversuche mit geringen Temperaturdifferenzen gegenüber normalen Temperaturen.
Zweitens Hitze- und Frostversuche mit großen Temperaturdifferenzen.
Während Versuche der ersten Gruppe Resultate zeigen, die auch in der Natur anzutreffen sind und sämtliche Individuen die gleichen Auswirkungen zeigen, sind die Ergebnisse der anderen Versuchsgruppe wesentlich extremer und nur einige Individuen zeigen die Veränderungen.
Aus Experimenten des "Herrn Lehrer Löffler in Heidenheim" differenziert Lampert zwei Typen von Formen:
- Vanessa antiopa L., ab. artemis Fisch. (18 Tage bei 2,5 bis 0º)
- Vanessa antiopa L., ab. hygiaea Hdrch. (4 Tage 2 mal 2 Stunden bei -10º)
Lampert schreibt ferner, dass Standfuss und Andere heraus gefunden haben, dass die neu erworbenen Eigentümlichkeiten auf Nachkommen übertragen werden.
Arno Bergmann
beschreibt die Form hygiaea als eine Extremform, die sowohl bei starkem Frost, als auch bei starker Hitze entstehen kann.
Siehe auch
Unterarten des Trauermantels.
Der Bonner Lepidopterologe Carl Frings hat zur gleichen Zeit wie Max Standfuss um die Jahrhundertwende von 19ten ins 20ste Jahrhundert Temperaturexperimente mit Schmetterlingen durchgeführt.
Aufgrund der guten Eignung des Trauermantels war auch dieser Falter Gegenstand diverser seiner Versuchsreihen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass bei den Experimenten oft nur wenigen Prozent der Puppen auch wirklich Falter entschlüpften. Und das, obwohl die Falter ausgebildet und die Flügel sichtbar waren.
Carl Frings beschreibt in
[Frings, 1899],
[Frings, 1901],
[Frings, 1902],
[Frings, 1903] und
[Frings, 1904] diverse Versuchsreihen und deren Resultate, von denen eine kleine Auswahl im Folgenden zu sehen ist:
In Experimenten erzielte ab. hygiaea:
In Experimenten erzielte ab. daubii:
In Experimenten erzielte ab. roederi:
In Experimenten erzielte Kombinationen von Formen:
- Nymphalis antiopa Kombination ab. hygiaea, ab. daubii und Wärmeformen (Zuchtaufnahme) [49 mm]
- Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 33 Std. +39,5°C. l. 19M. In der Zeit oft steigend und fallend auf +41°C. o. +38°C. +49,50ºC. 1 x exp.
- Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland
- Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland
Carl Frings berichtet in
[Frings, 1902] an einem Beispiel, wie bei Zuchten Aberrationen auch zufällig entstehen können:



![Nymphalis polychloros [57 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009) Nymphalis polychloros [57 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009)](/PicturesNA/Photos/Butterflies/Daniels/Nymphalis_polychloros_museum_koenig_13_medium.jpg)
![Nymphalis xanthomelas ssp. japonica [65 mm]; Sammlung: Museum Koenig (Untersammlung: W. Panse), Bonn, Deutschland; Fundort: Tokyo, Kiyose, Japan (05. Juni 1962); Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009) Nymphalis xanthomelas ssp. japonica [65 mm]; Sammlung: Museum Koenig (Untersammlung: W. Panse), Bonn, Deutschland; Fundort: Tokyo, Kiyose, Japan (05. Juni 1962); Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009)](/PicturesNA/Photos/Butterflies/Daniels/Nymphalis_xanthomelas_museum_koenig_83_tokyo_medium.jpg)

![Nymphalis antiopa ab. hygiaea (Zuchtaufnahme) [67,5 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 3 Stunden bei +43ºC., 3 Stunden absenkend auf +38ºC., hier 8 Stunden verbleibend.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (1902) Nymphalis antiopa ab. hygiaea (Zuchtaufnahme) [67,5 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 3 Stunden bei +43ºC., 3 Stunden absenkend auf +38ºC., hier 8 Stunden verbleibend.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (1902)](/PicturesNA/Photos/Butterflies/Daniels/Nymphalis_antiopa_museum_koenig_68_hygiaea_medium.jpg)
![Nymphalis antiopa ab. daubii (Zuchtaufnahme) [67 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 44-48 Std +38°C.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (1900) Nymphalis antiopa ab. daubii (Zuchtaufnahme) [67 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 44-48 Std +38°C.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (1900)](/PicturesNA/Photos/Butterflies/Daniels/Nymphalis_antiopa_museum_koenig_60_daubii_medium.jpg)
![Nymphalis antiopa ab. daubii (Zuchtaufnahme) [72,5 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 44-48 Stunden +38°C.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (1901) Nymphalis antiopa ab. daubii (Zuchtaufnahme) [72,5 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 44-48 Stunden +38°C.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (1901)](/PicturesNA/Photos/Butterflies/Daniels/Nymphalis_antiopa_museum_koenig_73_daubii_medium.jpg)
![Nymphalis antiopa ab. daubii (Zuchtaufnahme) [65 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 44-48 Stunden +38°C.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (1901) Nymphalis antiopa ab. daubii (Zuchtaufnahme) [65 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 44-48 Stunden +38°C.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (1901)](/PicturesNA/Photos/Butterflies/Daniels/Nymphalis_antiopa_museum_koenig_74_daubii_medium.jpg)
![Nymphalis antiopa ab. daubii (Zuchtaufnahme) [66 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 12 Stunden +6°C., 28 Stunden +38°C. 19 Stunden +6°C., 14 Std. +37°C.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (1903) Nymphalis antiopa ab. daubii (Zuchtaufnahme) [66 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 12 Stunden +6°C., 28 Stunden +38°C. 19 Stunden +6°C., 14 Std. +37°C.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (1903)](/PicturesNA/Photos/Butterflies/Daniels/Nymphalis_antiopa_museum_koenig_76_daubii_medium.jpg)
![Nymphalis antiopa ab. roederi (Zuchtaufnahme) [56 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 40 Tage +6°C. 3 var Roederi Stdfm. Brennerpass geschl. Auf. XI 1909.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (1902 o. 1909) Nymphalis antiopa ab. roederi (Zuchtaufnahme) [56 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 40 Tage +6°C. 3 var Roederi Stdfm. Brennerpass geschl. Auf. XI 1909.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (1902 o. 1909)](/PicturesNA/Photos/Butterflies/Daniels/Nymphalis_antiopa_museum_koenig_70_roederi_medium.jpg)
![Nymphalis antiopa antiopa ab. daubii (Zuchtaufnahme) [62 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 43 Stunden +38°C., Wärmeformen f. Dorfmeister 1 Hygiaea Wärmeform Kombination 9 ab.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (1902) Nymphalis antiopa antiopa ab. daubii (Zuchtaufnahme) [62 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 43 Stunden +38°C., Wärmeformen f. Dorfmeister 1 Hygiaea Wärmeform Kombination 9 ab.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (1902)](/PicturesNA/Photos/Butterflies/Daniels/Nymphalis_antiopa_museum_koenig_64_Dorfmeister_Hygiaea_medium.jpg)
![Nymphalis antiopa Kombination ab. hygiaea und Wärmeform (Zuchtaufnahme) [61 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe +49,50ºC. 1 x exp.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland Nymphalis antiopa Kombination ab. hygiaea und Wärmeform (Zuchtaufnahme) [61 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe +49,50ºC. 1 x exp.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland](/PicturesNA/Photos/Butterflies/Daniels/Nymphalis_antiopa_museum_koenig_78_hygiaea_und_waermeform_medium.jpg)
![Nymphalis antiopa ab. hygiaea (Zuchtaufnahme) [61 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 4 Stunden +42,5°C.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (Juli 1914) Nymphalis antiopa ab. hygiaea (Zuchtaufnahme) [61 mm]; Sammlung: Museum Koenig, Bonn, Deutschland; Temperaturversuche Carl Frings, Bonn: Puppe 4 Stunden +42,5°C.; Fotograf: Ingo Daniels (23. Oktober 2009); Zucht: Carl Frings; Bonn, Deutschland (Juli 1914)](/PicturesNA/Photos/Butterflies/Daniels/Nymphalis_antiopa_museum_koenig_66_hygiaea_medium.jpg)